Kann denn Nektar Sünde sein? 🦋
Der Schmetterlingsstrauch trägt seinen Namen zu Recht. Kein Gewächs im Garten lockt mehr Falter an. Doch neuerdings steht er als “invasiver Neophyt” auf der Schwarzen Liste. Wer nach Alternativen sucht, sollte vielleicht wilde Brombeeren pflanzen. Denn sie bieten nach Ansicht einiger Experten die größte Artenvielfalt, die Deutschland überhaupt zu bieten hat.
Ein Magnet für Schmetterlinge. Und ein rotes Tuch für seine Gegner.
Mein Nachbar ist das, was man einen Gärtner von altem Schrot und Korn nennt. Seine Kartoffeln düngt er wie eh und je mit Blaukorn. Grünflächen hält er raspelkurz, Brennnesseln und ähnliches Gelump wird man bei ihm nicht finden. Doch zum Beweis dafür, dass er kein kompletter Öko-Banause ist, hat er immerhin einen Schmetterlingsstrauch gepflanzt. Stolz ist er, wenn sich Dutzende von Faltern darauf niederlassen. So tut man was für die Natur. Genau, sage ich, feine Sache.
Einfacher lassen sich Schmetterlinge tatsächlich nicht anlocken als mit diesem anspruchslosen Strauchgewächs, das nur jedes Jahr im Frühling gestutzt werden muss, damit es umso kräftiger austreibt.
Der Eindringling
Doch was müsste man dem Nachbarn eigentlich sagen? Dass Buddleja davidii, auch Sommerflieder genannt, ein übler Eindringling ist? Der, Ende des 19. Jahrhunderts aus China eingeführt, sich nach dem Zweiten Weltkrieg in den Trümmern der Städte breitgemacht hat und heute mit Vorliebe auf Industriebrachen siedelt?
In Deutschland steht der Strauch als sogenannter Neophyt auf der Liste der potentiell invasiven Arten. Für die sieht das Bundesamt für Naturschutz zwar noch keine Bekämpfungsmaßnahmen vor, aber einen gewissen Beobachtungsbedarf.
Fort mit allen Neophyten
In der Schweiz geht man inzwischen entschlossener zur Sache. Wo immer der Schmetterlingsflieder sich bei den Eidgenossen blicken lässt, werden rigorose Maßnahmen empfohlen: Roden, Wurzelwerk wegfräsen, alle Reste verbrennen. Und das jedes Jahr wieder. Außerdem wurde der unerwünschte Eindringling in den Anhang 2.2 der Freisetzungsverordnung aufgenommen, wodurch der Verkauf von September 2024 an verboten ist
Foto Kanton Aargau/Aarauer Nachrichten
Dass es viel nützen wird, kann man bezweifeln. Ein einzelner Strauch produziert Millionen von Samen, die mühelos davonwehen und jahrelang keimfähig bleiben. Im eigenen Garten tun sie das selten, auf gestörten, degradierten und skelettierten Böden umso häufiger. Im Schotter entlang von Bahngleisen finden sie ideale Standorte, wenn dort nicht konsequent mit Herbiziden vorgebeugt wird .
Kann denn Nektar Sünde sein?
© Wikipedia Common
Blöderweise sind es nur die erwachsenen Falter, die am Schmetterlingsstrauch Nektar saugen. Und auch nicht unbedingt die seltenen. Selbst das Tagpfauenauge ist nicht auf ihn angewiesen, Brennnesseln täten es auch. Entscheidender für das Fortkommen der Schmetterlinge ist das, wovon sich deren Raupen ernähren.
Von denen geht keine einzige an den Sommerflieder. Den Raupen zuliebe müsste man zum Beispiel Klee aussäen oder Weißdorn und Berberitzen pflanzen – nichts, was mein ordnungsliebender Nachbar im Garten dulden würde. Aber muss ich ihm das unter die Nase reiben?
Ein neuer Glaubenskrieg
Ich bin in dieser wie in anderen Angelegenheiten kein Missionar. Und mag nicht in den Chor der Apodiktiker einstimmen, die sich die Rettung der deutschen Naturflora auf die Fahne geschrieben haben. Glaubenskriege sollten nicht im Garten ausgefochten werden.
Exkurs
Darf ich trotzdem einen pflanzen?
Na klar. Du darfst das nur nicht an die große Glocke hängen. Wer auf Facebook oder anderswo unterwegs ist, kann da leicht einen Shitstorm ernten. Beifall gibt es nur für ein Mea culpa. “Ich gestehe, dass ich Böses getan habe; weil ich nicht wusste wie schädlich dieser Strauch ist.” Zum Zeichen der Reue schlägt man sich dreimal an die Brust.
Es geht auch weniger pastoral. Dem Gewissen hilft es bereits, wann man die Blütenrispen kappt, bevor sie Samen ansetzen. In den Vereinigten Staaten, wo der Verkauf von Buddleja davidii in einigen Bundesstaaten verboten wurde, hat es Versuche gegeben, Schmetterlingssträucher zu züchten, die sich kaum oder gar nicht mehr über Samen vermehren. Das Oregon Department of Agriculture hat einige davon wieder für den Handel zugelassen.
Patente Lösung?
Besonders stolz ist man dort auf die Sorte Buddleja 'Blue Chip Jr.'. Dabei handelt es sich um eine Hybride, hervorgegangen aus einer Kreuzung verschiedener Arten (B. davidii, B. globosa, B. lindleyana), ergänzt um die Varietät Buddleja davidii var. manhoensis), die angeblich weniger als zwei Prozent fertile Samen bildet und bereits zum Patent zugelassen wurde.
Schweizer Botaniker haben diese und andere Zuchtsorten unter die Lupe genommen. Die Daten überzeugten sie nicht. Aus den vorgelegten Studien ging vor allem nicht hervor, ob das Merkmal der Unfruchtbarkeit auch über Generationen hinweg stabil bleiben würde. Der Schmetterlingsflieder pflanzt sich in der Regel durch Apomixis, also ungeschlechtlich fort, neigt generell zur Bastardisierung, kreuzt sich in freier Natur nach Belieben, stabilisiert sein Erbgut anschließend in Form von identischen Klonen und bildet auf diese Weise zahlreiche Sippen, deren Eigenschaften sich nicht vorhersagen lassen.
Oder lieber Brombeeren?
Damit ist er im Reich der Pflanzen freilich keine Ausnahme. Die Brombeergewächse, um nur ein Beispiel zu nennen, sind ebenfalls notorische Fremdgänger. Noch hat sie niemand deswegen verteufelt. Sie verkörpern nach Ansicht von Fachleuten sogar die größte botanische Vielfalt, die Deutschland überhaupt zu bieten hat. Angeblich wachsen hierzulande im Freiland mehr als vierhundert verschiedene Rubus-Arten. Demnach wäre jede zehnte heimische Blütenpflanze eine Brombeere. Mehr als fünfzig davon sollen weltweit hier und nur hier vorkommen. Und zwei Drittel davon sind laut Roter Liste mehr oder weniger stark gefährdet, extrem selten, vom Aussterben bedroht oder bereits verschollen. Sodass Deutschland schwer an der Verantwortung trägt, diese Vielfalt zu erhalten.
Man tut also gut daran, die wilden Brombeeren zu hegen und zu pflegen. Im Sinne der reinen Naturgartenlehre sind sie ja nicht “invasiv”. Sondern bloß “ausbreitungsfreudig”.
Früher hatte ich immer Sonnenblumen im Garten. Heute nicht mehr. Dauernd musste man sie anbinden, Und dann schauten sie mich nicht mal an. Müssen Sonnenblumen sich nicht nach dem Stand der Sonne richten? Denken viele, stimmt aber nicht.